DER STANDARD, 19. Juni 1999


Erstaunlich viel Kreativität

Betrug und Täuschung in der Forschung erschüttern das Vertrauen in das wissenschaftliche Kontrollsystem. Wer überprüft die Prüfer? Darf man das überhaupt? Und wie werden die raffinierteren Fälschungen im digitalen Zeitalter entlarvt?


Gerhard Fröhlich

Scheinbar unaufhaltsam wächst in den letzten Jahrzehnten die Zahl aufgedeckter Fälle von Betrug und Täuschung in den Wissenschaften: Vor allem Daten wurden manipuliert oder erfunden und veröffentlicht - nicht selten in renommiertesten Institutionen (Harvard University, MIT, Max-Planck-Gesellschaft) und Journalen (Science, Nature). Drei besonders dreiste Fälle verbinden sich mit den Namen Burt, Castaneda und Herrmann/Brach.

Der Fall Cyril Burt. Wenn beim Vergleich von Persönlichkeitsmerkmalen eineiige Zwillingspaare größere Ähnlichkeit zeigen als zweieiige, sehen dies die Anhängern der genetischen Psychologie als Indikator für die Vererbtheit dieses Merkmals an. Der britische Psychologe Cyril Burt publizierte in den 50er und 60er Jahren eine Reihe von Untersuchungen, bei denen die Intelligenzwerte der eineiigen Zwillingspaare weitaus höher korrelierten als die Werte der zweieiigen: Fördermaßnahmen zugunsten lernschwächerer Schüler seien völlig sinnlos. Burt wurde geadelt und genoß großen Ruhm.

Erst Jahre nach Burts Tod studierte ein überzeugter junger Gegner dessen Veröffentlichungen genauer: Er las gleich mehrere davon hintereinander. Dabei entdeckte er: Die Maße der Ähnlichkeit zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen hatten in verschiedenen Burtschen Studien jeweils den gleichen Wert - auf drei Kommastellen genau. Eine solche Übereinstimmung ist völlig unwahrscheinlich. Der Verdacht lag nahe, daß Burt diese Werte nicht ermittelt, sondern freihändig eingesetzt habe. Im weiteren Verlauf der Untersuchung, die nach Presseberichten und gegen den heftigen Widerstand der Burt-Anhänger stattfand, konnten weder die von Burt angeführten Koautorinnen noch die Rohdaten seiner Untersuchungen gefunden werden. Obgleich hartgesottene Burt-Anhänger von einer gezielten "Rufmordkampagne" sprechen und ihn als "Märtyrer der Vererbungslehre" feiern, ist die psychologische Community heute überwiegend der Ansicht, daß Burt seine Daten frei erfand oder einfach schätzte. Burt war vielleicht so sehr von der "Wahrheit" seiner Theorie überzeugt, daß er empirische Tests nicht für erforderlich hielt. Erschreckend der Mangel an Kritik: Anhänger wie Gegner Burts müssen "wie von Blindheit geschlagen" (die Science-Autoren William Broad/Nicholas Wade) gewesen sein, Burts vielgelesenes Hauptwerk wimmelte von krassen statistischen Fehlern. Offenbar hatte Burts Ruhm die wissenschaftlichen LeserInnen seiner Werke so geblendet, daß sie alle erlernten Regeln ihrer Zunft vergaßen.

Die Affäre Carlos Castaneda. Den Erfolgsautor könnte man den "Karl May der Alternativbewegung" bzw. "Psychokultur" nennen. Mit Karl hat Carlos gemeinsam, daß er vorgebliche Reiseerlebnisse (hier: mit einem indianischen Schamanen in Mexiko samt diverser bewußtseinserweiternder Erlebnisse nach Kakteenkonsum) aus mehr oder minder gut recherchierten Büchern zusammenfabuliert hat, sodaß ihre Schilderungen nicht jeglichen Realitätsgehaltes entbehren. Karl May ging allerdings bei der Landschaftsbeschreibung wesentlich genauer vor.

Castanedas Bücher wurden Bestseller. Bereits sein erstes ("The Teaching of Don Juan") konnte dank der Unterstützung angesehener Professoren bei der renommierten University of California Press erscheinen. Das dritte ("Journey to Ixtlan") wurde vom Department für Anthropologie der UCLA gar als Dissertation angenommen. Carlos Castaneda erntete viel Lob für seine mühevolle "teilnehmende Beobachtung" - unter anderem von Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend.

Nur einige Journalisten und fachfremde Leser äußerten Skepsis. Es fanden sich Ungereimtheiten: mexikanische Ortsnamen waren aus dem Englischen ins Spanische falsch rückübersetzt, indianisches Vokabular fehlte - seltsamerweise bediente sich Don Juan eines amerikanischen Slangs. Ein Bewohner des von Castaneda beschriebenen Wüstengebiets (der Senora Desert) wies schwere Fehler bei Castanedas Schilderung von Flora, Fauna und Klima nach: Jedem Ortskundigen geläufige Gefahren wurden in seinen "Reise"-Berichten nicht erwähnt, unbekannte dafür erfunden. Der Schamanenverband empörte sich: Castanedas Darstellung hätte wenig mit ihren tatsächlichen Ansichten und Praktiken zu tun.

Glühende Castaneda-Anhänger ließen sich nicht von ihrem Glauben abbringen: Die Kritik deuteten sie als "massiven Widerstand gegen die Begegnung mit den Inhalten des Unbewußten des Menschseins". Zudem sei jeder wissenschaftliche oder zumindest ethnologische Bericht Fiktion und auch von Castaneda nur so gemeint gewesen; zuvor hatten sie noch die Mühen und Qualen Castanedas in sengender Wüste sowie seinen Mut bewundert. In den deutschen Taschenbuchneuauflagen rühmt sich Castaneda gar noch verstärkt seiner wissenschaftlichen Vorgangsweise.

Der Fall Friedhelm Hermann/Marion Brach. Die beiden Krebsforscher galten als deutsche Spitzenwissenschaftler der 90er Jahre. Sie konnten sich der Aufträge und Berufungen fast nicht erwehren, wanderten von Universität zu Universität.

Der Molekularbiologe Dr. Eberhard Hildt, ein junger Mitarbeiter mit seltener Zivilcourage, führte zur Enttarnung der Praktiken, welche zum steilen Aufstieg geführt hatten. Hildt studierte die Veröffentlichungen seiner Vorgesetzten genauer und entdeckte, daß bei Abbildungen mit einem Bildverarbeitungsprogramm am Computer nachgeholfen worden sein mußte. Später beschaffte er sich "hintenrum" die Originaldaten. Er stellte Brach, später auch Herrmann zur Rede - ohne Erfolg.

Irgendwann wandte sich Hildt an eine Person seines Vertrauens, seinen früheren Doktorvater. Dieser prüfte mit einem Kollegen Hildts Unterlagen und kam zum Ergebnis: Gefälscht.

Er informierte die betroffenen Universitäten, die relativ bald Untersuchungskommissionen einsetzten. Die Presse bekam davon Wind und zwang so auch den zuständigen Wissenschaftsminister zu Reaktionen. Die Vorwürfe wurden nicht nur bestätigt, sondern Art und Zahl der aufgedeckten Manipulationen nahmen von Tag zu Tag zu. So mißbrauchten Herrmann/Brach ihre Stellung als Gutachter: Sie wiesen einen Projektantrag zurück und reichten ihn selbst bei derselben Stiftung ein - mit Erfolg. Diverse Co-Autoren waren in die Affäre verstrickt. Ihre Entschuldigung lautete meist: Sie wären bloß als "Ehrenautoren" auf der Publikation angeführt worden, ohne die Untersuchung zu kennen. Im Gegensatz zu Brach leugnet Herrmann bis heute: Seine Rechtsanwälte deckten die involvierten Institutionen und Personen mit horrenden Schadenersatzforderungen ein.

Wie und warum kommt es zu Betrug und Fälschung in den Wissenschaften? Eine Reihe von Forschern entdeckte erst nach der Veröffentlichung Fehler. Aus Angst vor Blamage entschieden sie sich statt für öffentliche Fehlerkorrektur ("retracting") fürs Durchhalten, d. h. für die Abstützung der Fehler durch bewußte Fälschungen. Auch die Grenze zwischen selbstbevorteilenden Irrtümern und bewußtem Betrug ist fließend. Manche Forscher bluffen im Prioritätswettlauf: Sie möchten in der langen Wartezeit bis zur Veröffentlichung die noch ausstehenden bestätigenden Befunde erbringen. Klappt das, werden sie gefeiert - unter den großen Geistern finden sich einige, von Galilei bis Newton, denen diese Vorgangsweise verziehen wurde. War der Optimismus unberechtigt, droht mitunter Schimpf und Schande.

Zu betonen ist das "mitunter". Bis vor kurzem reagierten betroffene Vorgesetzten und Institutionen eher mit Verleugnen und Einschüchtern von Aufdeckern bzw. Kritikern. Das Verdienst der Aufdeckung ist außerwissenschaftlichen Instanzen (Presse, Politik) zuzuschreiben: Ohne sie wäre kaum eine der in erster Generation bekanntgewordenen Betrugsaffären überhaupt geplatzt - die wissenschaftlichen Institutionen und Journale waren nicht bereit, das Thema überhaupt zu erwähnen.

Betrug und Täuschung in Forschung und Wissenschaft erschüttern das Vertrauen in das wissenschaftliche Kontrollsystem, das Peer-Review-System: Nur wenige der Betrugsfälle wurden routinemäßig durch anonyme Gutachter aufgedeckt. Auch bei den neueren großen bundesdeutschen Betrugsaffären (Krebsforscherpaar Hermann/Brach bzw. Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung Köln) passierten jeweils fast 50 bzw. 30 gefälschte Publikationen anstandslos die Peer-Review-Prozeduren renommiertester Wissenschaftsjournale (inkl. Science und Nature), obwohl betrügerische Manipulationen z.T. ganz offensichtlich waren (z. B. war dieselbe Abbildung als Beleg für unterschiedlichste Meßreihen aufgeführt worden).

Viele Affären wurden über persönliche Denunziation aufgedeckt; meist wurden diese Anzeigen lange Zeit nicht beachtet oder zu vertuschen versucht. War dies nicht mehr möglich, wurde personalisiert: unerkannte "Geisteskrankheit" oder "kriminelle Energie" der überführten Wissenschaftler mußten als Ursache herhalten - offensichtlich, um eine Infragestellung des wissenschaftlichen "Betriebssystems" zu vermeiden. Schon vor Jahrzehnten betonte Wissenschaftsforscher Robert K. Merton den allgemeinen Prioritäts- bzw. Originalitätsdruck der Wissenschaftler als fördernde Faktoren von wissenschaftlicher Täuschung und Fälschung. Der Erfolgsdruck - bei gleichzeitig sinkender "wissenschaftlicher Profitrate" - hat inzwischen weiter zugenommen, die Abhängigkeit von Sponsoren und Auftraggebern ebenso.

Juristisch ist das Fälscherrisiko noch nicht allzu groß: Deutsche Gerichte haben auf dem Grundsatz der "Freiheit von Forschung und Lehre" eine Reihe seltsamer Urteile gefällt. So konnte ein Gießener Biophysiker bisher erfolgreich dagegen klagen, daß seine Universität aufgrund eines Fälschungsvorwurfs eine Kommission zur Überprüfung seiner Forschungen einrichtete: Die Selbstverwaltungsorgane der Universität hätten kein Recht zu wissenschaftlicher Kritik. Auch die von ihren Gutachtern plagiierten Einreichervon Forschungsexposées oder Manuskripten haben z.Z. so gut wie keinen Rechtsschutz.

Die großen Wissenschaftsorganisationen (Deutsche Forschungsgemeinschaften, Max-Planck-Gesellschaft) haben allerdings inzwischen Ethik-Codices bzw. Verfahrensregeln zur Behandlung von Fälschungsverdacht verabschiedet, die in einigen Fällen bereits angewendet wurden. Forschungsförderungsorganisationen haben auch eher Chancen, gegenüber Fälschern juristisch erfolgreich zu sein. Gilt wissenschaftliche Fälschung an sich als "juristisch irrelevant", droht beim Bezug von Forschungsgeldern hingegen Verurteilung, auch zur Rückzahlung der vereinnahmten Gelder.

Fazit: Die wissenschaftsinterne Kontrolle durch offene geistige Konkurrenz und "rücksichtslose" (Karl Popper) Kritik, v. a. das Peer-Review-System scheint noch äußerst verbesserungsdürftig zu sein. Die oft formulierte Abwehr aller "Einmischungen von außen" unter dem Deckmantel der Wahrung der "Reinheit" der Wissenschaft ist nicht gerechtfertigt. Auch in unseren Breiten sollten ähnlich wie in den USA die gesetzliche Regelungen an den rauheren Wissenschaftsalltag angepaßt werden. Doch bei den bisher aufgedeckten Affären gingen die Fälscher ziemlich plump vor. Verbesserungen der Fälscherpraxis sind zu erwarten, etwa inklusive der vorsorglichen Fälschung von Labortagebüchern bzw. Rohdaten, und vor allem unter konsequenter Nutzung digitaler Technologien. Der Wettlauf geht weiter... []

Der Autor ist Assistenzprofessor am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Uni Linz und beendet gerade seine Habilitationsschrift über "Kontrolle durch Konkurrenz und Kritik? Der soziale und öffentliche Charakter der wissenschaftlichen Methoden". Literaturbelege bzw. Langfassung des Beitrags: gerhard.froehlich@iwp.uni-linz.ac.at

Wissenschaftliche Institutionen und Journale sind nur selten bereit, das Thema Betrug überhaupt zu erwähnen.


DER STANDARD, 19./20 Juni 1999
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