Ethische Positionen – Ausschnitt   (rb)

1) Lehrbuch-Ethik (Das Gute ist das wonach alles strebt / Aristoteles)

Nach G. E. Moore (Principia Ethica: 1903) ist Ethik "die allgemeine (theoretische, m.E.) Untersuchung dessen, was gut ist" (Kap 1, §2,2). Die praktische Seite der Theorie aber ist die Moral, die das der Theorie entsprechende konkrete Verhalten von Menschen im Rahmen einer Gesellschaft auf (mehr oder minder) bewußte Normen zurückführt und dadurch erklärt (und gelegentlich auch vorhersagen kann). Was moralisch gut ist kann man spüren und je nach Begabung auch artikulieren, zB indem man Menschen als gut oder schlecht und deren Handlungen als richtig oder falsch beurteilt.

wesentlich ist, daß die "Sprache der Moral" nicht nur wertende Ausdrücke enthält , sondern auch das Wörtchen "sollen", also Gebote formulieren und Tugeden benennen kann.

Da es aber darum geht Argumente zur Begründung (als Ersatz für unsere gefühlsmäßigen Bewertungen) ethisch akzeptabler Handlungen zu finden und Argumente im allgemeinen sprachlicher Natur sind, gehtes zunächst darum die Sprache der Ethik (in der sich ja unser ethisches Denken widerspiegelt) zu untersuchen, und zwar als Beziehungs-Gefüge von wertenden und normativen Aussagen. Diese Untersuchung(en) nennt man Meta-Ethik, da es sich um Theorien über den Status der wertenden oder normativen Aussagen unserer Sprachen handelt. Zwei dieser Theorien sollen besprochen werden (sh auch Tabelle unten), der Kognitivismus und der Emotivismus. Die Metaethik sagt uns also noch nicht was gut ode schlecht ist, richtig oder falsch oder was wir tun und lassen soll(t)en. Sie spricht nur über die entsprechenden Aussagen, und das kann sehr nützlich sein, wenn es darum geht uns auf Argumente einzulassen, die uns etwa davon überzeugen sollen etwas zu tun, das wir intuitiv ablehnen.

A) Metaethik

Zunächst eine sehr nützliche (leicht ergänzte und z.T verkürzte) Tabelle aus Hügli etc.

Übersicht über die wichtigsten metaethischen Positionen:

Kognitivismus:

Moralische Urteile können wahr oder falsch sein. Moralische Urteile können Erkenntnis ausdrücken.

Emotivismus/

Non-Kognitivismus:

Moralische Urteile können weder wahr noch falsch sein. Moralische Urteile drücken nie Erkenntnis aus.

Naturalismus:

Einige moralische Urteile können aus Aussagen abgeleitet werden, die keine moralischen Urteile enthalten.

Einige wichtige Vertreter:

John Searle

Stephen Toulmin

Warnock

Non-Naturalismus:

Moralische Urteile können nie abgeleitet werden aus aussagen. die keine moralischen Urteile enthalten.

Einige wichtige Vertreter:

George E. Moore

David Ross

Einige wichtige Vertreter:

Julius Ayer

R. M. Hare

A.1) Kognitivismus:

Nach dem Kognitivismus können ethische/moralische Behauptungen wahr oder falsch sein, sie können mit einer “erfaßbaren moralischen Realität/moralischen Tatsachen” übereinstimmen oder auch nicht. Die  absolute Gültigkeit gewisser moralischer Werte kann durch Berufung auf deren Realität  und Objektivität erklärt werden. Als Grundeinstellung entspricht der Realismus in der Moralphilosophie dem gesunden Menschenverstand. Es gibt  unbestreitbare Freveltaten, die als solche bestehen bleiben solange der Mensch Mensch bleibt. Es gibt so etwas wie das Sehen moralischer tatsachen ähnlih dem der mathemaisch-geometrischen Axiome. Der Kognitivismus führt so zu einem Intuitionismus.

Nun haben aber moralische Tatsachen auch den Charaktern von Normen.

Wenn Töten moralisch falsch ist, so folgt daraus (im Rahmen dieser Position), daß man nicht töten soll. Wenn also moralische Urteile Tatsachen zum Inhalt haben, so könnte daraus eine Norm abgeleitet werden. Dies führt aber zu logischen Problemen [1] . Man nennt es das Humesche Gesetz von der “Unableitbarkeit eines sollens aus einem sein”, der Wahrheitsgehalt der Konklusion eines Schlusses darf nicht über den Gehalt der Prämissen hinausgehen.

Das Ergebnis der Kritik am moralischen Realismus, Objektivismus und Kognitivismus ist: Wo es keine moralsiche Tatsachen in der Realität gibt, da gibt es auch keine objektiven moralischen Tatsachen usw.

A.2) Emotivismus:

Nach Hume dienen daher moralische Behauptungen letztlich nur dazu unsere Gefühle zu beschreiben. -- Wir können aber widersprüchliche moralische Urteile fällen und uns sogar darüber streiten. Andererseits aber können sich Gefühle nicht im logischen Sinne widersprechen. Damit wird aber der Anspruch  auf Verallgemeinerbarkeit  ethischer/moralischer Behauptungen schwierig.

Denoch muß man dem Emotivismus zugute halten, daß er vor allem die handlungsanleitende Funktion moralischer Behauptungen hervorhebt, was moralische Argumentationen gegenüber rein beschreibenden auszeichnet.

A.3) Institutionalismus:

In seinen “Philosophischen Grundbegriffen” [2] betont Ferber als dritte Möglichkeit den “Institutionalismus”.

Nach Ferber (p 135) lassen sich moralische Behauptungen, wie zB “Es ist richtig , einen Verblutenden zu verbinden, dagegen falsch, ihn verbluten zu lassen”, als die Beschreibung von institutionellen Tasachen auffassen.

Danach ist dann “Moral weder etwas nur Objektives noch etwas nur subjektives, sondern wesentlich etwas Soziales, nämlich eine vom Menschen gemachte Institution” (p 136). Es gibt so etwas wie institutionelle Tatsachen, auf die Ronald Searle in seiner Theorie der Sprechakte/speachact hingewiesen hat. Wenn moralische Tatsachen institutioneller Natur sind, so kann man von der “Existenz moralischer Tatsachen” sprechen, “ohne gegen Humes Gesetz von der Unableitbarkeit des Sollens aus dem Sein zu vestoßen” (p 139). Dadurch kann erklärt werden, daß  1) moralische Tatsachen objektiv und zugleich verallgemeinerungsfähig sind und 2) daß sie ein subjektives Element enthalten und aus ihnen Normen ableitbar sind.

Wichtig ist noch, daß nicht alle institutionellen Tatsachen die moralischer Natur sind auch rechtlich sanktioniert sind und umgekehrt wie die Problematik der Eutanasie im Dritten Reich zeigen kann [3] .

Im Rahmen von Institutionen ist es besser zu verstehen, daß Moral die ausschließliche Verfolgung der eigenen Interessen einschränkt, indem sie nämlich auch die Interessen anderer zu berücksichtigen gebietet. Moral kann dann sogar Forderungen an mich stellen, die über die Verfolgung der eigenen Interessen hinausgeht. (p 141)

B) Übersicht:  Normative Ethik:

In der normativen Ethik geht es darum das jeweils unbewußte ethische Wissen bewußt zu machen. Die Kernproblem aber ist, Gründe anzugeben, warum man auch ohne Lohn (oder soziale Sanktionen in Institutionen) moralisch sein bzw. handeln soll.

Handlungsethik:

Die einzelne Handlung ist immer die Grundlage des Urteilens.

Regelethik:

Einige (oder alle ) Handlungen müssen in bezug auf den Wert der Regel beurteilt werden, die sie ausdrücken.

Teleologische Ethik:

Handlungen müssen ausschließlich danach beurteilt werden, wie gut oder empfehlenswet ihre Folgen sind.

Positionen / Vertreter:

Handlungs -Utilitarismus:

Jeremy Bentham

Positionen / Vertreter:

Regel -Utilitarismus:

John St. Mill

George E. Moore

Deontologische Ethik:

Handlungen dürfen nicht ausschließlich nach ihren Folgen beurteilt werden.

Entscheidend ist die Handlungsbestimmung. der gute oder schlechte Wille.

Positionen / Vertreter:

Adam Smith

Positionen / Vertreter:

Immanuel Kant

B.1) Teleologische Ethik/Utilitarismus  -- Das Gute als Nutzen

Eine der einflußreichsten Positionen in der neueren Ethik ist der auf John Stuart Mill zuruecgehende Utilitarismus. Bekannt ist die Formel “Gut ist das, was der größtmöglichen Zahl von Menschen nützt bzw. ihnen das größtmögliche Glück bringt”. - “Das Gute ist das, wonach jeder Mensch strebt.”

Etwas banaler kann man sagen: Jedermann wünscht sich etwas Wünschenswertes.  Damit ist klar, daß die Grundlage des Utilitarismus keine empirsiche Hypothese ist, die durch Erfahrung falsifiziert werden könnte.

Was “moralisch gut” ist, ist somit kein reales Prädikat  und hat keine reale Existenz sondern wird durch “semantische Regeln” festgelegt. Erst durch solche Regeln wird festgelegt, “inwieferne eine reale Tatsache, die das Glück, die Lst oder den Nutzen befördert, auch moralisch gut ist”. (Ferber: p 153) Dadurch wird der unbedingte Charakter des moralischen Sollens relativiert.

Das “größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl” ist in Anlehnung an Kant ein “Ideal der Einbildungskraft”.

B.2) Deontologische Ethik/Kant -- Das Gute als Regel

Nach Kant wird das, was moralisch gut ist erst durch Regeln gesagt. Die Hauptregel ist die Verallgemeinerung, die Kant als “kategorischen Imperativ” formuliert hat:

“Handle nur nACH DERJENIGEN MAXIME, DURCH DIE DU ZUGLEICH WOLLEN KANNST, Daß SIE EIN ALLGemeines gesETZ WERDE” [4]

Der kategorische Imperativ gebietet nur nach solchen subjektiven Grundsätzen zu handeln, die verallgemeinerungsfähig sind, d. h. daß jeder andere ihn sich auch zu eigen machen kann. D. h. Ziel ist die Intersubjektivität.

Beispielsweise ist die Nichtdiskriminierung von Menschen aufgrund von Rasse oder Geschlecht deshalb richtig, weil sie als institutionelle Tatsache verallgemeinerungsfähig ist, was für das gegenteil nicht gilt.

Man nennt die Kantische Position deontologisch, weil uns die aufgrund der Verallgemeinerungsregel erkannten Gebote zu etwas verpflichten , und zwar unabhängig von etwaigen nützlichen Folgen, welche diese Gebote haben können.

Dies gilt auch für das Hauptgebot, der Verpflichtung zur Verallgemeinerung, selbst.

John Stuart Mill reagiert auf Kant folgendermaßen:

“Um Kants Prinzip eine Bedeutung zu geben, muß der ihm gegebene Sinn der sein, daß wir unser Verhalten durch eine Regel gestalten sollen, die alle vernünftigen Wesen zum Nutzen ihres allgemeinen Interesses annehmen können”. [5]

Für beide Positionen, die utilitaristische un die deontologische gilt, daß sie sich von einem Vorverständnis “des Guten” leiten lassen, das auch die Folgen in Erwägung zieht. Beide bezwecken nützliche Folgen nicht nur für den jeweils einzelnen , sondern auch für alle anderen Menschen.

Aus der Verallgemeinerungsregel kann man folgende Faustregel gewinnen (Ferber p 161), die auch für unsere Zwecke geeignet erscheint:

Diejenigen institutionellen Tatsachen sind moralisch richtig bzw gut, welche die Lebensinteressen anderer Menschen betreffen und die sich grundsätzlich jedermann zu eigen machen kann, ohne damit etwas zu wollen, das er bzw. sie nicht wollen können.

Diejenigen institutionellen Tatsachen aber sind moralisch falsch bzw schlecht, welche die Lebensinteressen anderer Menschen betreffen und die sich nicht jedermann zu eigen machen kann, da er dadurch etwas wollen müßte, was er nicht wollen kann.



[1] ) Erstmals ausgearbeitet von David Hume in seinem “Traktat über die menschliche Natur”.

[2] )Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe (Eine einführung), München 1994, pp 135.

Ferber geht von zwei Forderungen aus, die an eine meta-ethische Theorie gestellt werden müssen/können:

a)Sie muß einmal dem kognitiven und obektiven Moment moralischer Basispropositionen und der realsistischen ssprache der Moral Rechnung tragen.

b)Sie muß gleichzeitig auch dem emotiven und subjektiven Moment moralischer Basispropositionen gereht werden, das im Empfehlen oder Verurteilen besteht, so daß aus moralischen Baispropositionen Normen abgeleitet werden können.

Das führt zu folgenden Problemen:

i) Wenn moralische Behauptungen kognitiv sind, also eine objektive Komponente enthalten,  dann sind sie zwar  verallgemeinerungsfähig , man kann aber keine Normen aus ihnen ableiten.

ij) Wenn moralische Behauptungen emotiv sind, also eine subjektive Komponente enthalten, dann kann  man zwar Normen aus ihnen ableiten, aber diese sind nicht notwendig verallgemeinerungsfähig.

[3] )Ferber, loc cit p 140: “So war zB das durch ein gehimes Ermächtigungschreiben von Hitler in Kraft gesetzte Recht, gewisse geistig behinderte und kranke Menschen zu euthanisieren, sicher nicht moralischer Natur. Wer so etwas getan hat geriet zwar zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mir dem Gesetz in Konflikt. Er wurde aber wohl von den meisten seiner Mitmenschen mißachtet, und nach dem Ende des Nationalsozialismus auch mit dem Arm des Gesetzes zu erfassen versucht.”

[4] ) Immanuel Kant: Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Riga 1785 (2. Abschnitt, p 421)

[5] ) John Stuart Mill: Utilitarianism.  London 1861/63 (Kap. 5, pp 78 -79)