DIE AKTUALITÄT DER „FEINEN UNTERSCHIEDE“

Ein „Ketzer und Querdenker“: Pierre Bourdieu wird heute mit dem Ernst-Block-Preis der Stadt Ludwigshaften geehrt.

 

Von Gerhard Fröhlich

 

 

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Bourdieus dicker Wälzer über die "Feinen Unterschiede" kam mir schon vor langer Zeit zu Gesicht - ein Kollege borgte ihn mir. Eng und kleingedruckt,  voll schrecklicher Wortungetüme (à la "Inkorporierung“, „Interiorisation“ - offensichtlich wagten die Übersetzer nicht, von Einverleibung und Verinnerlichung zu reden), mit Kaskaden zahlloser Schachtelsätze, die sich bis zu einer 3/4 Seite ergießen,  konnte er mich nicht dazu verführen, ihn ganz zu lesen, und schon gar nicht von vorne nach hinten.

 

Doch zwischendurch, gerade auch im Kleingedruckten, fand sich amüsantes: warum Fischessen nichts für französische Männer der Volksklasse sei, die was auf sich halten wollen - denn Fisch müsse man "weibisch", vorsichtig mit den Vorderzähnen tastend, kauen - der Gräten wegen; und es halte überdies nicht vor. Oder warum Aufsteiger oft so verbissen, frustriert und verschwitzt aussehen - man merke ihnen eben "die Mühen der Kletterei" an. Gerade die mitleidlose Schilderung der sich ängstlich-selbstbeobachtenden Kleinbürger, aber auch die glänzende Decouvrierung der Herrschaftstechniken der Oberschicht taten es mir an.

 

Und vor allem - in Philosophie und Soziologie damals, d. h. in den 70er-Jahren, eine echte Rarität: viele aufregende und selbsterhellende Passagen über die menschlichen Körper, aus konsequent soziologischer Sicht: das Repertoire an Gesten der Unterwürfigkeit - bei Bourdieu "Gymnastik der Herrschaft", welche sich bei ständiger Wiederholung in den Körper, in die Psyche eingrabe; oder die eigentümliche Zufriedenheit der Oberschicht-Frauen mit ihrem Aussehen, und die chronische Unzufriedenheit der Mittelschicht-Frauen mit dem ihren - und zwar jeweils völlig unabhängig von ‘objektiven’ Kriterien. Doch bei aller Unterhaltsamkeit sah ich nicht ein, warum ich mich mit den theoretischen Passagen dazwischen abmühen sollte.

 

Irgendwann, wie das wissenschaftliche Leben so spielt, verschlug es mich als gelernten Soziologen in die Welt der Philosophen und Wissenschaftstheoretiker, in die kältesten Eiswüsten der Abstraktion: Begriff, Theorie, Gesetz. Logik, Rationalität. Im Urteil Bourdieus: Verleugnung der Körper, des Sozialen. Schlagartig lernte ich Bourdieu zu schätzen: Daß für ihn etwa Wissen­schaften nicht bloß abstrakte Aussagensysteme darstellen, sondern ein Feld, in dem - bei aller mehr oder minder scheinheiliger Betonung von "Wahrheitsstreben" auf der Ebene der Diskurse, der schönen Sonntags­reden - auf der Ebene der Strategie mit allen Mittel gekämpft wird, und nicht nur mit geistigen, sondern mit Mobbing, Lobbying, Schimpfklatsch, und dem sonstigen Arsenal administrativer wie kommissioneller Tricks.

 

Viele (gerade auch frankophone) Theoretiker machen die Menschen zu Opfern: bei ihrem Lieblingsbegriff der "Einschreibung" assoziiere ich texanische Kühe, denen eine Kennmarke eingebrannt wird. Da ist mir Bourdieus Begriff der "Einverleibung" schon bedeutend lieber: er ist ein aktiver, auch wenn wir zur Einverleibung (z. B. als Kleinkind zum Essen, als Schüler zum Schreibenlernen) mehr oder minder sanft gezwungen werden können. Bourdieu fokussiert die Akteure und ihre Handlungs­ressourcen (Kapitalia). Von seinen vier Grundbegriffen Kapital, Habitus, Feld, Symbol einiges kurz zu den beiden zuerst genannten.

 

In verschiedenen sozialen Feldern (wie Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion, Politik) sind unterschiedliche Kapitalsorten hoch im Kurs, sind also unterschiedliche Handlungsressourcen von großem Wert: Neben dem klassischen ökonomischen Kapital unterscheidet Bourdieu Sozialkapital (die Handlungsressourcen, die wir aus der Teilhabe an Beziehungsnetzen ziehen), Kulturkapital - und zwar einverleibtes kulturelles Kapital (Wissen, praktische Fähigkeiten), in Büchern, Musikinstrumenten, technischen Geräten etc. vergegenständlichtes kulturelles Kapital, und institutionalisiertes Kulturkapital, die Bildungstitel. Die Creme der Creme der Kapitalsorten ist für Bourdieu das symbolische Kapital: Ehre, Prestige, Anerkennung, Reputation.

 

Was können wir mit diesen abstrakten Begriffen anfangen? Nur ein Beispiel: Bourdieu hält die Hoffnung, über Bildung gesellschaftliche Gleichheit zu erreichen, weitgehend für eine Illusion: denn vom "Titel" zu einer "Stelle" sei es ein weiter Weg: Er erfordere auch Sozialkapital und ökonomisches Kapital. Drum gibt es meiner Beobachtung nach keine arbeitslosen Absolventinnen der Theaterwissenschaft aus der Ober­schicht: Hier kauft Papá eine Galerie (mit dem familiären ökonomischen Kapital), und lädt zur ersten Vernissage all seine Geschäftsfreunde ein, und Mamá ihre kultivierten Freundinnen (eine Spende aus dem fami­liären Sozialkapital); von zu Hause bringt die Tochter Kulturkapital mit, welches man kaum in der Schule lernen kann: Auftreten, Selbstsi­cherheit, Geschmack. So ausgestattet, floriert der Laden in Kürze.

 

Bei allen eingangs geschilderten Schwierigkeiten (aber alles wirklich Neue bereitet anfangs Kopfweh, steht es doch in Konflikt mit unseren gewohnten Denkrastern) lohnt sich die Mühe, die uns Bourdieu&Co bereiten. Empfehlenswert ist die Lektüre vor allem für Aufsteiger und solche, die es noch werden wollen. Ihr Problem: Sie möchten von einem Feld in ein anderes überwechseln, für das sie nicht unbedingt das erforderliche Kulturkapital und vor allem nicht den passenden ‘Habitus’ gleichsam mit der Muttermilch eingesogen haben. Mit diesem traditions­geladenen Begriff meint Bourdieu die erworbene Grundhaltung, mit der wir wahrnehmen, bewerten, handeln, die generativen Tiefenformeln und Gewohnheiten, die uns "Kreativität in Grenzen" ermöglichen. Für Freunde der Computermetaphorik: Der Habitus ist gleichsam das ‘Betriebssystem’, welches noch zusätzliches kulturelles Kapital, d. h. ‘Anwenderprogramme’ (z. B. Klavierspielen) und ‘Daten’ (Klaviernoten) benötigt. Welche Folgen hat dieser feldfremde Habitus für die Aufsteiger? Sie sind unzufrieden mit sich selbst (philosophisch verbrämt steckt das hinter der Zerrissenheit des sogenannten postmodernen Sub­jekts) und belegen teure Psychotrainings und Persönlichkeitstrainings, immer im Kampf mit ihrem Herkunftshabitus.

 

Empfehlenswert wäre die Bourdieu-Lektüre auch für "Ossies", welche die "Wessies", d. h. ihre Bluff-, Distanzierungs-, vor allem Distinktionstechniken, durchschauen wollen. Unter Distinktion versteht Bourdieu die soziale Abhebung. Distinktiv ist in jedem Feld etwas anders, und das, was distinktiv ist, wechselt auch im Lauf der Zeit: denn nur rares, seltenes ist distinktiv. Lernten die „Ossies“ kurz nach der Wende skrupellose Gebrauchtwagenhändler und Versicherungsvertreter kennen, die über sie hergefallen sind "wie eine Heuschreckenplage" (Konstantin Wecker), müssen sie seitdem auch mit westlichem Distinktionsgehabe, mit den neuen, für sie ungewohnten Distanzierungs- und Einschüchterungsstrategien der Wessies zurechtkommen.

 

Bei der Lektüre der „Feinen Unterschiede“ (empirisch: Frankreich der 60er-Jahre) werden aufmerksame LeserInnen zum Ergebnis kommen, daß fast alles, was Bourdieu und seine Leute über die französische Volksklasse der 60er-Jahre herausgefunden haben, fast im Detail auf das Gros der Ossies zutrifft (bis hin zum höheren Butter-, Fleisch- und besonders Bananenkonsum), während vieles, was Bourdieu&Co den französischen Kleinbürgern zuschreiben (z. B. Schlankheitswahn, erbitterte Gymnastik, permanente Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle, ewiges Gehetztsein) auf das Gros der heutigen Wessies zutrifft.

 

Bourdieus Klassiker ist also nach wie vor höchst aufschlußreich. Inzwi­schen haben Bourdieu und seine GesellInnen sich in auf fast alle andere gesellschaftlichen Felder und Themen ausgebreitet: von Erzbischöfen bis Häuslebauern. Bloß die elektronischen und digitalen Medien scheinen sein großer weißer Fleck zu sein. Aber wer weiß, was er gerade im geheimen austüftelt...

 

Oskar Negt hat Ernst Bloch als den produktivsten Ketzer des Marxismus bezeichnet. Pierre Bourdieu können wir mit Fug und Recht - neben einigen anderen, vor allem  seinem deklarierten zeitgenössischen Vorbild Norbert Elias - als einen der produktivsten Ketzer der Philosophie (die er studierte) und der Soziologie (in die er mehr oder minder widerwillig hineingeriet) bezeichnen. Bourdieu ist ein Querdenker, er forscht quer zu den eingefahrenen Abschottungen - ob zu wissenschaftlichen Disziplinen oder einzelnen ihrer Lehrgebäude, der sogenannten Paradigmen. Bourdieu ist ein Stifter von "Mesalliancen", also nicht ‘standesgemäßen’ Verbindungen zwischen Konzepten höchst unterschiedlicher Herkunft, dessen Anregungspotential noch überhaupt nicht ausgeschöpft ist, sondern noch Generationen von Buchhaltern des Geistes, aber auch empirischen Forschern noch Stoff für ihre Tätigkeit geben wird.

 

 

erschienen in:

Die Rheinpfalz - Nr. 271, Samstag, 22. November 1997

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