Wie sich die
Wissenschaft selbst misst
Wie sich die Wissenschaft selbst
misst
"Hot papers", Zitationslisten, "High
impact"-Zeitschriften sind der Stoff, aus dem die Szientometrie ihre
Daten nimmt und zu Modellen formt. Aber was messen quantitative Evaluierer
wirklich?
Gerhard Fröhlich
Gewöhnliche Szientometrie ist eher fad. Sie
untersucht quantitative Dimensionen wissenschaftlicher Entwicklungen:
Anzahl der Universitätsgründungen, der WissenschafterInnen, der
wissenschaftlichen Zeitschriften. Brisanter ist die "evaluative
Szientometrie". Sie gibt vor, unbestechlich den wissenschaftlichen
Output zu messen: Produktivität, Resonanz, Qualität.
Zu den Pionieren dieser Zunft
zählen der Genetiker Sir Francis Galton, der Botaniker Alphonse de
Candolle, der Physiker Derek de Solla Price. Letzterer verglich die
Wissenschaft mit Gas. Ähnliche aus Naturwissenschaft und Technik
entlehnte Modelle finden sich auch heute in der - ansonsten recht
theorielosen - Literatur. Auch zeitgenössische SzientometrikerInnen
kommen vorrangig aus Natur- und Ingenieurwissenschaften und verwenden
Modelle aus dem eigenen "Stall": Für die einen entspricht
die Verbreitung wissenschaftlicher Informationen der Diffusion von Hitze in
Festkörpern. Andere halten sich an mehrstufige Modelle der
Übertragung ansteckender Tropenkrankheiten: Parasiten benötigen
einen Zwischenwirt zur Entwicklung bzw. Übertragung. Wissenschaftliche
Zeitschriften entsprechen demnach ihrer Funktion nach Moskitofliegen bei
der Ausbreitung der Malaria - oder Wasserschnecken bei der
Weiterentwicklung der Saugwürmer, den Erregern der
Bilharziose.
Gemeinsam ist diesen formalen
Modellen, dass sie Formeln zur mathematischen Modellierung und
Extrapolation quantitativer Entwicklungen bereitstellen, welche mitunter
gar nicht so schlecht auf beobachtbare Verlaufskurven passen. Für
inhaltliche, praxisrelevante Fragestellungen sind sie wenig geeignet. Der
soziale Charakter der wissenschaftlichen Methoden (Karl Popper), die
Machtstrukturen der wissenschaftlichen Welt bleiben ausgeblendet: Wie wird
man Erstherausgeber, damit man von Szientometrikern überhaupt
gezählt werden kann? In etlichen Datenbanken - Grundlage heutiger
szientometrischer Auswertungen - sind nämlich nur die
ErstherausgeberInnen recherchierbar.
Die "Stars" unter den
wissenschaftlichen Datenbanken produziert das Institute for Scientific
Information (ISI) in Philadelphia (Gründer: Eugene Garfield). Sie sind
online, als CD-ROMs und als meterdicke Nachschlagewerke konsultierbar: je
ein Citation Index für Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften,
Kulturwissenschaften und Künste. Der Clou dieser drei Datenbanken: Sie
speichern von jedem (in der Regel: Zeitschriften-)Artikel auch die
Literaturliste, z. T. bis auf die Zitatstelle genau. Es ist daher
möglich - mit gewissen Fehlerraten - zu eruieren, wer z. B. Karl
Poppers Betonung des sozialen Charakters der wissenschaftlichen Methode im
zweiten Band seiner "Offenen Gesellschaft" zitiert.
Terminologische Probleme bei der Recherche können durch Eingabe von
Schlüsselautoren oder -publikationen umgangen werden:
Heinz-von-Foerster-Zitierer dürften eher Radikal-Konstruktivistisches
im Sinne haben, Pierre Bourdieus "Feine Unterschiede" Zitierende
eher Distinktionstheoretisches: Denn zitieren heißt loben, Existenz
zusprechen. Nur wenige Zitationen sind kritisch. Abzulehnendes wird zumeist
"net amol ignoriert".
Die ISI-Banken bieten interessante
Zugriffs-und Auswertungsmöglichkeiten, z. B. zum Nachweis hermetisch
abgedichteter paradigmatischer Gemeinschaften: Wer zitiert Niklas Luhmann,
wer zitiert Norbert Elias, wer zitiert beide? (Antwort: ein verschwindend
geringer Prozentsatz.) Es könnten "blinde Flecken" eruiert
werden: Wo müssten inhaltliche Bezüge vorliegen, finden sich
jedoch keine Zitaten-Brücken? Auch bei der Erstellung semantischer
Netze könnten ISI-Banken nützen. Doch die "kognitiven
Szientometriker", die sich um inhaltliche Fragestellungen
kümmern, sind eine Minderheit.
Die Mehrheit der ISI-Konsultierer
interessiert sich für Rangreihen: Wer ist produktiver, d. h.
publiziert mehr? Wer hat mehr Resonanz, löst stärkeren
"Impact" (= engl. (Geschoß-)Einschlag) aus, das heißt
wird häufiger zitiert? Doch die Gleichsetzungen von quantitativem
Output mit wissenschaftlicher Leistung sowie von Resonanz mit Qualität
(vor allem in der Medizin) - sind äußerst fragwürdig:
O Beim Output ignorieren die simplen Quantifizierer die Usance der
Ehrenautorenschaften, aufgeflogen bei Betrugsaffären: Koautoren der
beiden Krebsforscher Herrmann/Brach beteuerten, die gefälschten
Papiere gar nicht gesehen zu haben. Institutsleiter, Vermittler von Geld
oder Material werden oft bei allen resultierenden Artikeln als Koautoren
angeführt, wichtige MitarbeiterInnen dagegen als SubautorInnen in
Fußnoten und Danksagungen gesteckt. Viel-"Schreiber" sind
Leiter von Großinstituten: 948 Publikationen zwischen 1981 und 1990
verzeichnen Yury Struchkow, Leiter des Instituts für Elementorganische
Chemie in Moskau, als Koautor - d. h. fast zwei Publikationen pro Woche.
Wissenschafter aus der gesamten Sowjetunion mussten Substanzen zur
Strukturbestimmung an Struchkows Labor schicken. Je ein Mitarbeiter und
Struchkow wurden dafür jeweils als Koautoren genannt.
Produktivitätskennziffern sind somit eher Indikatoren für Macht,
soziale Beziehungen und Finanzkraft als für "reine"
wissenschaftliche Leistung. Eine Längsschnittstudie zeigte die Effekte
der Forschungsfinanzierung und der Zusammenarbeit mit KollegInnen auf die
Produktivität: Viel Geld aus vielen Fonds für viele AutorInnen
erbringt viele Papers, auf denen man als KoautorIn steht.
Das ISI und Garfield haben die
Wissenschaften verändert. Solcherart Szientometrie beruht keineswegs,
wie beansprucht, auf "nicht-reaktiven Messverfahren". Die
aggregierten "Mess"-Vorgänge zusammen mit den
vorwegnehmenden Aktionen der Betroffenen verändern das
"Gemessene", sie bringen das hervor, was sie zu messen vorgeben:
Artefakte - Kunstprodukte und Ergebnisverzerrungen. Die szientometrische
Logik des rein Quantitativen ist mit der sowjetischen Planwirtschaftslogik
verwandt: Bei Letzterer führte die Messung des Plansolls von
Weihnachtsbaumständern nach Tonnen zur Produktion möglichst
klobiger Exemplare, Erstere verleitet dazu, möglichst viele,
möglichst kurze Beiträge in Journalen mit möglichst hohem
Impact abzusondern, das heißt den Forschungsertrag in möglichst
viele, möglichst hauchdünne Scheibchen
("Salamipublikationstaktik") zu zerteilen. Die "least
publishable unit" beträgt in der Psychologie - unter Abzug von
Titelei, Abstract, Danksagungen und Literaturliste - inzwischen eine Seite
Text (inkl. Tabellen) für drei Koautoren, d. h. eine Drittel Seite je
Wissenschafter.
O Bei der Resonanz übersehen
Ranking-Gläubige, dass Bekanntheit und Ansehen, Geräte, Gelder
und Beziehungen noch mehr Bekanntheit und Ansehen, Geräte, Gelder und
Beziehungen bringen. "Hot papers" werden von mehr Autoren aus
mehr teilnehmenden Institutionen "verfasst" als durchschnittlich
zitierte Papers. Je mehr Autoren, je mehr Forschungsförderer, desto
mehr Impact.
O Bei der
"Standardmethode" der ISI-Impact-Bestimmung werden nur jene
Zitate aus ISI-Banken berücksichtigt, die auch wiederum in die
ISI-Banken zurückführen, d. h. nur in ISI-Banken erfasste(!)
zitierte Journal-Artikel - keine Artikel aus sonstigen Journalen, keine
Buchzitate usw.
O Bei der Resonanzbestimmung von 258 früheren Professoren der Uni
Gent wurden hingegen alle in den ISI-Banken erfassten Zitate ausgewertet,
d. h. auch jene, die aus dem ISI-Zitations-Pool hinausführen. Der
Vergleich mit der Standardmethode zeigt, wie willkürlich die
Beschränkung auf ISI-Journale ist: Der Impact von Monografien ist
weitaus größer als jener von Journalartikeln - in allen
Disziplinen. Die Begrenzung auf ISI-Publikationen reduziert die Zahl der
Zitationen auf bloße 16 Prozent aller gespeicherten Zitationen. Noch
einmal: Dieses Ergebnis basiert auf ISI-Datenbanken, welche Journalartikel
extrem bevorteilen. Eine Analyse auf Basis aller wissenschaftlichen
Publikationen würde für die ISI-Methode noch weitaus
vernichtendere Resultate erbringen.
Das Institute for Scientific
Information bestimmt, welche Journale überhaupt in seine Datenbanken
aufgenommen werden, und betreibt Zeitschriften-Lobbying: Wissenschaftliche
Literatur jenseits der durch das ISI erfassten sei minderwertig, da nicht
durch das Sieb der ISI-Szientometrie gefiltert. Doch dominiert in etlichen
Disziplinen (z. B. in der Philosophie) immer noch das Buch; in anderen
bilden Patente und Graue Literatur primäre Forschungsgrundlage (in den
Ingenieurwissenschaften). Zudem erwächst den etablierten
Papierjournalen neue digitale Konkurrenz, bunt und bewegt auf den
WWW-Seiten wissenschaftlicher Institute und e-Journals, aber oft verdeckt
vom übrigen WWW-Infotainment.
Marktwert und Absatzchancen der
ISI-Produkte hängen vom Glauben an Wichtigkeit und Qualität der
ISI-Journale ab. Beide werden mit ISI-Methoden im ISI-Datenpool
"gemessen". Die Artefakte aufgrund der Erstselektion werden so
aufrecht erhalten und gefördert. Alle übrigen (später
gegründeten oder prosperierenden) Journale und sonstigen
Literatursorten sind "Immigranten", Bittsteller - nur wenigen
wird Einlass gewährt. Aufgrund dreister Preissteigerungen (ein
Jahresabo von Chemical Abstracts etwa kostet eine Unibibliothek laut
Auskunft der Linzer Uni zur Zeit öS 324.000,-) und stagnierender
Bibliotheksetats finden zudem neue Journale kaum mehr Aufnahme in
Bibliotheken. Auch hier verteidigen die Etablierten erfolgreich ihren
Platz: Das Vorhandensein von Papierpublikationen vor Ort ist ein wichtiger
Faktor für ihr Zitiertwerden. Der "Impact" etablierter
Journale ist auch ein Effekt ihrer auflagenstarken
Omnipräsenz.
Gegen den Zeitschriften-Bias des
ISI (und anderer Datenbanken) kursiert der Vorschlag für eine
"Universal Citation Database", für eine universale,
Internet-basierte, bibliographische Datenbase, welche alle
wissenschaftlichen Arbeiten jeglicher Literaturgattung über ihre
Zitate verknüpfen würde. Rankings unterscheiden meist nicht
zwischen Einzel- und Koautorenschaften, inhaltliche Redundanz und
Publikationslänge bleiben unberücksichtigt: Die Gewichtung der
Beiträge (nach Seitenzahl, Zahl der Ko- und SubautorInnen) sollte
unverzichtbare Minimalforderung sein.
Schwieriger dürften ethische Autorenschaften durchzusetzen sein. Zu fordern und praktizieren wäre auf jeden
Fall eine wissenschaftstheoretisch aufgeklärte und
sozialwissenschaftlich geläuterte Szientometrie, welche die
AutorInnen, ihre Institutionen, Beziehungen und Produkte nicht mehr als
Gase, Heizplatten, Moskitos und Saugwürmer modelliert, sondern als
menschliche, kulturelle, soziale Einheiten. []
Langfassung mit Angaben zu den erwähnten
Studien als GMD-Report 61 (Gesellschaft für Mathematik und
Datenverarbeitung, Sankt Augustin) oder über den Autor:
gerhard.froehlich@iwp.uni-linz.ac.at
Siehe auch den Hinweis auf Seite W4!